INTON - das Trainingsprogramm zum Intonationshören

Möchten Sie Ihr Intonationsgehör verbessern oder lernen, ein Tasteninstrument zu stimmen? Mit INTON, einem Computer-Trainingsprogramm, können Sie daheim an Ihrem PC das Hören und Korrigieren falsch eingestimmter Töne trainieren und zehn verschiedene Stimmungen erlernen.

Inton ermöglicht

  • das Training im Erkennen und Korrigieren von Intonationsfehlern
  • das Training im Stimmen von Tasteninstrumenten
  • das Experimentieren mit Tonhöhen

Erkennen und Korrigieren von Intonationsfehlern

  • INTON erlaubt das Hören und Korrigieren feiner Tonhöhenabweichungen mit einer Genauigkeit von 1 cent (1/100 Halbton). Damit kann die Intonation von Intervallschritten, Zusammenklängen und Zusammenklangsfolgen erlernt werden. Da sich jeder beliebige Stimmungswert einstellen lässt, können außerdem interessante Hörerfahrungen gemacht werden, die sonst nicht möglich sind.
  • INTON enthält einen kompletten Lehrgang im Intonationshören. Dieser ist nach fachdidaktischen Gesichtspunkten aufgebaut und besteht aus ca. 400 Einzelübungen, die, beginnend mit einfachsten Grundlagenübungen, allmählich bis zu schwierigen zweistimmigen Höraufgaben fortschreiten. Es geht darum, die in den Übungen enthaltenen verstimmten Töne zu erkennen und zu korrigieren.
  • Und so funktioniert es: Sie wählen eine Übung aus einer Liste aus, z. B. zweistimmiges Hören mit verstimmten Tönen in der Oberstimme. Nach Aufrufen der Übung können Sie die Noten mit einem erläuternden Text auf dem Bildschirm lesen. Darunter befindet sich ein übersichtliches Menü mit allen Bedienelementen. Sie können sich nun das Übungsstück in einer verstimmten Fassung beliebig oft, in beliebigen Abschnitten und in beliebigem Tempo vorspielen und die verstimmten Töne und ihre Abweichungsrichtung (zu hoch/zu tief) bestimmen. Anschließend können Sie die Töne mit Hilfe der Cursortasten in Centschritten richtig einstimmen. Währenddessen können Sie sich den einzustimmenden Ton und dessen Umgebung beliebig oft anhören. Nach Beendigung der Aufgabe kontrollieren Sie Ihr Stimmergebnis, indem Sie sich die Centwerte für die einzelnen Töne auf den Bildschirm holen.
Hier zwei Beispiele, ein zweistimmiger Satz aus der Literatur und eine Übungsaufgabe mit Einzelintervallen:

Stimmen von Tasteninstrumenten

Mit INTON lässt sich das Stimmen eines Tasteninstruments oder einer Harfe simulieren. Das Strapazieren mechanischer Instrumente durch Stimmversuche wird dadurch umgangen. Außer der gleichstufig temperierten Stimmung können mit INTON sieben historische Stimmungen geübt werden.

Der Bildschirm für einen mitteltönigen Stimmzyklus sieht folgendermaßen aus:

Experimentieren mit Tonhöhen

In diesem eher technischen Teil können verschiedene Hörphänomene klanglich realisiert werden, wie z. B. Schwebungen, Kombinationstöne etc. Das Programm erzeugt Töne beliebiger Frequenz als Sinus- oder Rechteckschwingung, deren Hertzzahlen oder Notennamen über die Computertastatur eingegeben werden. Die Töne können beliebig weit auf- und abwärts gestimmt werden, wobei bis zu einer Abweichung von ca. 70c eine Genauigkeit von 1 cent garantiert ist.

INTON besteht aus zwei Teilen: einer Software auf CD ROM, auf der sich das Programm und die Übungsbeispiele befinden, sowie einer speziell entwickelten Hardware, dem INTONAT, welcher die Töne erzeugt.

Der INTONAT arbeitet mit einer Genauigkeit von weniger als 1 cent und ist damit mit einem hochwertigen Stimmgerät oder einem teuren Synthesizer vergleichbar. (Zum Vergleich: Herkömmliche Soundkarten produzieren die Töne mit einer "Genauigkeit" zwischen 4 und 7 cent.)

Der INTONAT (Größe 18x14x6,5) wird an den Druckerausgang des Computers angeschlossen und über den PC angesteuert. Er ist mit einem hochwertigen Lautsprecher ausgestattet, kann aber auch an einen externen Verstärker angeschlossen werden.

Zahlreiche Musikschulen und -hochschulen im In- und Ausland (USA, Schweiz, Niederlande, Österreich, Portugal) verwenden INTON bereits. Es wird im Gehörbildungsunterricht eingesetzt, aber auch von den Schülern und Studenten zum eigenen Training verwendet. An der Bundesfachschule für Klavier- und Cembalobau in Ludwigsburg üben die Studierenden mit INTON das Klavierstimmen.

Lieferumfang: INTONAT, CD ROM mit dem INTON-Programm und ca. 400 Übungen, Übungsliste, Notenbeilage, Bedienungsanleitung mit ausführlicher Lehrgangsbeschreibung und Übehinweisen.

Das Programm ist auch in englischer Sprache erhältlich.

Systemvoraussetzungen:

Zum Betrieb ist ein Windows-Rechner mit echtem Parallelport (alte Drucker-Schnittstelle) und eine spezielle Software erforderlich.

Programmautoren:

Doris Geller, Wilhelm Heucke-Gareis

Eine ausführlichere Darstellung der Intonationsproblematik und des INTON-Programms ist in dem Aufsatz "Intonation - kann man das lernen?" erschienen, der 1999 in der Zeitschrift "Das Orchester" erschien.

Zur umfassenden Information über Intonations- und Stimmungsfragen wird die Praktische Intonationslehre von Doris Geller (mit CD) empfohlen.


Rezension in der Neuen Musikzeitung 4/00

Centgenaues Hören mit dem INTONAT Jeder Musiker - als Interpret, Lehrer oder Ensembleleiter - ist in der Praxis ständig mit der Intonationsproblematik konfrontiert. Daher sollte Intonationshören von Beginn an in die musikalische Ausbildung mit einbezogen werden. Doch selbst in der professionellen Gehörbildung an Musikhochschulen ist dieser Aufgabenbereich so gut wie nicht vorhanden. Das Computerprogramm INTON bietet Training im Intonationshören und im Hören historischer Stimmungen; auch ein Experimentierprogramm ist enthalten.

Die Aufgaben sind methodisch geordnet. Sie beginnen mit der Beurteilung und Korrektur sukzessiver oder simultaner Einzelintervalle. Es folgen längere, ein- und zweistimmige Ton- beziehungsweise Intervallreihen, bei denen einer oder mehrere Töne korrigiert werden sollen. Schließlich kann an ein- oder zweistimmigen Musikbeispielen gearbeitet werden (Volkslieder, Literaturbeispiele aus Klassik, Romantik und frühem 20. Jahrhundert): Durch den Übergang zu rhythmisierten Aufgaben steigert sich der Schwierigkeitsgrad.

In einem weiteren Übungsteil besteht die Möglichkeit, verschiedene Temperaturen einzustimmen. über die Zielsetzung entscheidet der/die Übende selber: Soll eine temperierte Stimmung angestrebt werden oder eher möglichst viele reine Intervalle? Wie wirkt sich eine Bevorzugung des Melodischen auf die Zusammenklänge aus und umgekehrt?

Bei der Arbeit bietet das Programm eine Fülle von Zusatzoptionen wie Dauertöne und ausschnittweise Wiederholung der Musikbeispiele. Sämtliche Beispiele sind in temperierter, fein verstimmter und grob verstimmter Fassung vorhanden; sie können auch in verschiedenen historischen Stimmungen gehört werden. Der Stimmton lässt sich wahlweise auf 440, 443 und 430 Hertz einstellen sowie halbtonweise transponieren, was für Absoluthörende von Vorteil ist. Oktavieren nach oben oder unten ermöglicht das Kennenlernen der Veränderung der Intonationswahrnehmung im hohen beziehungsweise tiefen Register. Ebenfalls möglich ist das Herstellen und Abspeichern eigener Aufgabenstellungen und -lösungen.

Im Gegensatz zu anderen Gehörbildungsprogrammen benötigt INTON keine Soundkarte, da die Töne von einer mitgelieferten Hardware, dem INTONAT, erzeugt werden, der an die Druckerschnittstelle angeschlossen wird. Der "Intonat" ist Soundkarten überlegen, da er wirklich centgenau arbeitet. Es steht wahlweise eine Sinus- oder Rechteckschwingung zur Verfügung; Klangfarbe, Lautstärke und Geschwindigkeit können am INTONAT geregelt werden. Da das Programm auf DOS-Ebene läuft, müssen sich Windows-Benutzer zu Beginn etwas umstellen. Die Benutzeroberfläche ist größtenteils schwarz-weiß, auf eine Maus kann verzichtet werden. Die Tastaturbefehle sind leicht und schnell zu erlernen; spätestens nach einer halben Stunde gestaltet sich die Arbeit mit INTON reibungslos und zügig, zumal alle verfügbaren Befehle jeweils auf dem Bildschirm angegeben sind. Das Handbuch enthält neben einer reinen Bedienungsanleitung auch Erklärungen über den didaktischen Aufbau der Aufgaben sowie Übetipps. Das unerlässliche Grundwissen zur Intonationsproblematik und zu Eigenheiten verschiedener Stimmungen wird in leicht verständlicher Form vermittelt.

Die Arbeit mit dem Programm kann und will natürlich nicht Intonationsübungen am Instrument oder mit dem Ensemble ersetzen. Sie bietet aber die Möglichkeit, das eigene Hören zunächst besser kennen zu lernen und Schwächen systematisch auszugleichen. Es gibt zur Zeit kein Konkurrenzprodukt zu INTON.

Autoren:

Doris Geller, Wilhelm Heucke-Gareis

Weiteres Übungsmaterial und vertiefende Informationen in:

Doris Geller, Praktische Intonationslehre für Sänger und Instrumentalisten. Bärenreiter 1997

Intonation - kann man das lernen? Aufsatz in "Das Orchester" 11/99

Chor- und Orchesterleiter kennen die Situation: Man probt mit dem Ensemble, und an irgendeiner Stelle ist die Intonation nicht ganz sauber. Man lässt die Stelle wiederholen, aber welcher Ton zu hoch oder zu tief ist, scheint nur schwer definierbar. So lässt man noch einmal einstimmen in der Hoffnung, dass es danach besser klingt. Aber wenn die Stelle dann wiederkehrt, klingt sie ähnlich falsch wie vorher. Also greift man Stimmkombinationen heraus, um das Problem einzukreisen, traut sich aber nicht, ein klares Urteil abzugeben, wie etwa "die Klarinette ist eine Spur zu hoch", weil man unsicher ist, ob die Klarinette nicht vielleicht auch zu tief sein könnte oder ob überhaupt ein ganz anderes Instrument falsch intoniert haben könnte. Lässt man zu guter Letzt jede Stimme einzeln spielen, kommt man auch zu keinem Ergebnis, denn der Intonationsfehler tritt nur in der Mehrstimmigkeit störend zutage. Also lässt man alles beim Alten.

Diese Szenerie erscheint vielleicht etwas zu krass dargestellt, und doch spielt sie sich tagtäglich in etwa so ab, und zwar nicht nur im Amateurbereich. Auch in professionellen Ensembles ist das Hören und Korrigieren von Intonationsfehlern oft problematisch. Da in der Musikausbildung eine systematische Unterweisung im Intonationshören fehlt, bleibt es dem Musiker überlassen, sich die entsprechenden Fähigkeiten irgendwie selbst anzueignen. Die einzige Möglichkeit, die er dafür hat, ist das Zusammenspiel mit anderen.

Dirigenten sind in einer besonders prekären Situation. An denjenigen, der vorn steht, werden naturgemäß besonders hohe Ansprüche gestellt, denn wie könnte er es sich sonst erlauben, Anweisungen zu geben? Nun haben Dirigenten meist auch kein besser geschultes Gehör als die Spieler bzw. Sänger, die von ihnen in den Proben korrigiert werden, d. h. sie sind unter Umständen genau so unsicher in der Beurteilung von Intonationsmängeln wie jene. Da der Dirigent dies nicht offen zugeben kann, ohne an Autorität zu verlieren, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich eine Strategie zurechtzulegen, mit der er das offene Zutagetreten eventueller Hörmängel verhindern kann.

Wie viel besser wäre es doch, wenn er einfach die Möglichkeit wahrnehmen würde, sein Gehör zu trainieren! Denn die Fähigkeit, feine Tonhöhenunterschiede zu erkennen, verschiedene Größen ein und desselben Intervalls zu identifizieren und zu bewerten, ist entwickelbar, wie die Erfahrung lehrt und wie Jürgen Meyer in einer Untersuchung gezeigt hat (Jürgen Meyer: Zur Tonhöhenempfindung bei musikalischen Klängen in Abhängigkeit vom Grad der Gehörschulung, in Acustica 42, 1979). Im Test mit verschiedenen Musikergruppen stellte sich heraus, dass diejenigen, welche täglich die genaue Lage ihrer Tonhöhen selbst definieren müssen, nämlich die Streicher, auch das feinste Gehör haben, während die Pianisten, die ihre Tonhöhen auf dem Instrument fertig vorfinden, eine sehr viel gröbere Tonhöhenauflösung haben. Viele Dirigenten sind bekanntlich von Haus aus reine Klavierspieler, und gerade sie sind es, an die die höchsten Anforderungen des Hörens gestellt werden.

Die Schulung des musikalischen Gehörs hat seit Beginn dieses Jahrhunderts ihren angestammten Platz in der Musikausbildung. Jeder Studierende muss für eine gewisse Zeit das Fach Gehörbildung belegen und mit einer Prüfung abschließen. Die traditionellen Inhalte dieses Fachs sind das Erkennen, Benennen, Aufschreiben und Wiedergeben musikalischer Zusammenhänge zum Zwecke der Entwicklung der bewussten inneren Vorstellung. Dass dabei das Erkennen, Benennen und Wiedergeben feiner Tonhöhenunterschiede nicht vorkommt, liegt an der Begrenztheit der zur Verfügung stehenden Unterrichtsmittel: Wiedergabegeräte sind hier das Klavier und die Stereoanlage. Mit Hilfe von Aufnahmen lassen sich zwar Intonationsunterschiede demonstrieren, doch nicht verifizieren, denn wer kann schon beweisen, dass das zweigestrichene e der 1. Violine im Takt 96 wirklich zu hoch ist? Der Lehrer hört es zwar, aber wie kann er seinen Schülern vermitteln, dass er Recht hat? Außerdem besteht nicht die Möglichkeit, Intonationsabweichungen zu korrigieren. Dies ist aber für einen Lernprozess unabdingbar notwendig, denn nur dadurch ist das hörende Nachvollziehen eines Intonationsurteils möglich. Auch das Ausprobieren verschiedener Intonationsarten ein und desselben Intervalls oder Klangs ist nötig, um einen Sensibilisierungsprozess in Gang zu setzen. Jeder Streicher tut all dies mehr oder weniger bewusst täglich auf seinem Instrument.

Hilfsmittel: elektronische Tasteninstrumente und Computer

Eine Möglichkeit, feine Tonhöhenunterschiede kontrolliert wiederzugeben, bieten elektronische Tasteninstrumente. So sind seit einigen Jahren Synthesizer auf dem Markt, auf denen in verschiedenen historischen Stimmungen gespielt werden kann. Bei einigen Geräten können sogar einzelne Töne gezielt umgestimmt werden, so dass man sich Intervalle und Akkorde in verschiedenen Stimmungsgrößen anhören kann. Die echte Spielsituation lässt sich damit allerdings nicht nachstellen, denn ein einmal umgestimmter Ton behält seine Höhe bei, wenn er an anderer Stelle im Stück wieder auftritt. Beim Spiel auf einem Blas- oder Streichinstrument jedoch wird ein und derselbe Ton das eine Mal ein bisschen höher und das andere Mal ein bisschen tiefer intoniert. Ideal wäre daher die Möglichkeit, ein mit Intonationsfehlern aufgenommenes Stück zu hören, die Fehler zu identifizieren und anschließend zu korrigieren. Die Intonationsabweichungen bzw. das Korrekturergebnis müsste außerdem kontrolliert werden können. Mit Hilfe des Computers ist all dies möglich. Die Tonerzeugung muss dabei natürlich elektronisch erfolgen, etwa über eine gute Soundkarte oder ein hochwertiges Keyboard, welches in der Lage wäre, Tonhöhen mit einer Genauigkeit von mindestens 1 cent (=1/100 Halbton) wiederzugeben. (1 cent entspricht beim eingestrichenen a einer Frequenzdifferenz von 0,25 Hz, beim zweigestrichenen a von 0,5 Hz.) Da z. B. beim Einstimmen einer reinen Oktave oder Quinte bereits eine Verstimmung von nur 1 cent sofort eine deutlich hörbare Schwebung verursacht, ist es notwendig, einen solch präzisen Klangerzeuger zur Verfügung zu haben. Zum Vergleich: Herkömmliche Soundkarten arbeiten mit einer "Genauigkeit" von ca. 7 cent. Dies ist ein Unterschied, der von den meisten Menschen bei nacheinander gespielten Tönen nicht mehr als Tonwiederholung, sondern als deutlicher Tonschritt empfunden wird. Spielt man die Töne gleichzeitig auf dem eingestrichenen a, so wird eine Schwebung von knapp zwei Impulsen pro Sekunde hörbar, ein äußerst störender Eindruck, der nicht mit den Kriterien sauberer Intonation zu vereinbaren ist. Die beim a1 mitklingenden Obertöne verursachen noch schnellere Schwebungen: Der stärkste, die Oktave, schwebt mit ca. 3,5 Hz, die Quinte (Duodezime) mit ca. 5 Hz usw.

Erklingt ein Intervall simultan, also als Zweiklang, so reagiert das Ohr mit der höchsten Empfindlichkeit auf Verstimmungen, weil es die Schwebungen als Anhaltspunkt hat. Es reagiert allerdings unterschiedlich bei den einzelnen Intervallarten: An Prime und Oktave stellt es die höchsten Ansprüche (daher ist das Unisonospiel so heikel), etwas weniger an Quinte und Quarte, denn sonst würden wir die temperierte Stimmung mit ihren um 2c abweichenden Quinten und Quarten nicht ertragen. Dieselben 2c akzeptiert das Ohr bei der Oktave nicht! Und die temperierten Terzen und Sexten mit einer Abweichung von ca. 15c klingen zwar nicht ganz befriedigend, aber das Gehör arrangiert sich notgedrungen damit. Würde man dagegen eine Oktave um 15c verengen oder erweitern, würde man sie vielleicht nicht einmal mehr als Oktave erkennen, d. h. das Ohr ist hier viel weniger bereit, das verstimmte Intervall "zurechtzuhören". Die erwähnten Abweichungen beziehen sich hier immer auf den "reinen" Intervallwert, wie er in der Naturtonreihe mit ihren ganzzahligen Frequenzverhältnissen vorgegeben ist: Oktave 1:2, Quinte 2:3, Quarte 3:4, große Terz 4:5, große Sexte 3:5 usw. Diese Intervalle erklingen, wenn sie korrekt eingestimmt sind, frei von Schwebungen. Intervalle, die von Haus aus schon einen gewissen Rauhigkeitscharakter haben, wie die Sekunden und Septimen, können auch nicht rein eingestimmt werden. Für sie gibt es viele unterschiedliche Stimmungswerte, die vom Ohr alle gleichermaßen akzeptiert werden und daher beim Musizieren verwendet werden können. Wer mit anderen zusammenspielt oder ein Ensemble leitet, sollte von dieser "Relativitätstheorie der Intonation" wissen, denn sie wirkt sich beim Spiel von Akkorden unmittelbar aus: Wer in einem Akkord die Terz spielt oder gar die Sept, kann sich größere Intonationsfreiheiten erlauben als der Spieler des Grundtons oder der Quinte. Voraussetzung für eine Auseinandersetzung mit der Intonation in Ensemblestücken ist daher die Kenntnis der Tonfunktionen der eigenen Stimme. Dazu wäre es eigentlich notwendig, die Partitur zu studieren, da aber der einzelne Spieler meist nur seine Stimme zur Verfügung hat, müsste er in der Lage sein, die Tonfunktionen beim Spielen direkt zu hören, so dass er sich jederzeit bewusst ist, welche Rolle er im gerade erklingenden Akkord spielt und sich entsprechend einstellen kann.

Um das Intonationshören selbständig trainieren zu können, wurde jetzt ein Computerprogramm entwickelt, mit dem das Hören, Erkennen und Korrigieren von Intervallschrittgrößen, Zusammenklängen und Zusammenklangsfolgen erlernt werden kann. Dass es sich mit solch einem Programm nur dann sinnvoll arbeiten lässt, wenn die Tonhöhen auch wirklich centgenau wiedergegeben werden, leuchtet unmittelbar ein. Die übliche Soundkarte scheidet daher als Klangerzeuger aus. Hochwertige Synthesizer haben zwar die erforderliche Genauigkeit, sind aber sehr teuer. Daher wurde speziell für dieses Programm eine Hardware entwickelt, der INTONAT, welcher so präzise arbeitet wie ein hochwertiges Stimmgerät oder ein teurer Synthesizer.

Schulung im Intonationshören

Das Programm INTON enthält einen kompletten Lehrgang im Intonationshören. Dieser ist nach fachdidaktischen Gesichtspunkten aufgebaut und besteht aus ca. 400 Einzelübungen, die, mit einfachsten Grundlagenübungen beginnend, allmählich bis zu schwierigen zweistimmigen Höraufgaben fortschreiten. Es geht darum, die in den übungen enthaltenen verstimmten Töne zu erkennen und zu korrigieren.

Der einstimmige Übungsstoff besteht aus einzelnen Intervallen, Intervallketten und Melodiebeispielen aus der Musikliteratur. Mit Hilfe der Einzelintervalle kann zunächst einmal ausprobiert werden, welch unterschiedliche Größen ein Intervall überhaupt haben kann, wie sich diese anhören und welche Stimmungswerte man akzeptieren kann und welche nicht. Da sich jeder beliebige Stimmungswert einstellen lässt, lassen sich interessante Hörerfahrungen machen, die sonst nicht möglich sind.

In der Einstimmigkeit gibt es keine objektiven und allgemein gültigen Kriterien, nach denen Intervalle intoniert werden. Dem Ohr fehlt hier die Kontrolle durch die Schwebungen, so dass die genauen Melodieschrittgrößen - man muss es ehrlicher- weise zugeben - nur geschätzt werden können. Der Spieler trifft letztlich seine Entscheidung aufgrund der Werte, die sich für ihn im Laufe der Zeit als brauchbar erwiesen haben. Was aber in der Einstimmigkeit gut klingt, z. B. ein enger Leittonschritt, eine tiefe Mollterz, ein großzügig erweiterter Quartschritt, kann in der Mehrstimmigkeit zu erheblichen Problemen führen. Die melodischen und die harmonischen Bedürfnisse unseres Gehörs widersprechen sich leider: So fährt z.B. die Erhöhung des Leittons h in C-Dur zu einem engen Leittonschritt h-c, aber die Folge ist ein schärferer G-Dur-Klang. "Reine" und "leittönige" Intonation werden zwar oft gleichgesetzt, sind aber in Wirklichkeit die größten Gegensätze: Will man das h als vertikal reine G-Dur-Terz spielen, so muss man es um ca. 25c, also 1/4 Halbton tiefer spielen, als man es für einen "scharfen" Leitton intonieren würde. Der Ausgleich zwischen melodischer und harmonischer Intonation ist somit eine ständige Herausforderung für den Spieler, die ihn zwingt, je nach Spielsituation immer wieder den günstigsten Kompromiss zwischen Horizontale und Vertikale zu finden.

An die einstimmigen Aufgaben kann man auf unterschiedliche Art herangehen: Zum einen kann man die Melodieschritte einfach so einstimmen, wie sie einem am besten gefallen, d. h. wie man sie im Stück spielen würde. Wenn man sich anschließend anhand der Centwerte anschaut, wie groß die Intervalle wirklich sind, die man eingestimmt hat, erhält man wertvolle Aufschlüsse über seine bisher meist unbewusst ablaufenden Hör- und Intonationsgewohnheiten. Der andere Weg ist der Versuch, bestimmte Stimmungswerte zu erreichen, wie z. B. die reinen Intervalle oder die temperierten. Bei der anschließenden Kontrolle wird man vielleicht feststellen, dass ein reines Intervall in der melodischen Linie ganz anders wirkt, als man es vom Zusammenklang her erwartet hätte.

Die zweistimmigen Intonationsübungen bestehen aus einzelnen Zweiklängen, Intervallgruppen und zweistimmigen Stücken. Verstimmte Töne kommen entweder in nur einer oder in beiden Stimmen vor. Durch das Experimentieren mit Einzelintervallen bekommt man zunächst einmal eine Vorstellung für die Intonationsmöglichkeiten, die ein Intervall überhaupt haben kann. Eine sehr wertvolle Erfahrung ist das Einstimmen reiner Intervalle, die man womöglich bisher noch niemals bewusst gehört hat. So kann das allmähliche "Wegstimmen" einer Schwebung z. B. für den Spieler eines Tasteninstrumentes ein "Aha- Erlebnis" sein. Sobald mehrere Zweiklänge miteinander verbunden werden, kommt die melodische Komponente ins Spiel, und man kann in diesen Übungen den Entscheidungskampf zwischen harmonischer und melodischer Intonation, den z. B. ein Streicher täglich auszufechten hat, unmittelbar nachvollziehen. Um den Widerspruch zwischen beiden Intonationsarten zu erfahren, kann man auf zweierlei Art vorgehen:

  1. Man stimmt die Intervalle ausschließlich nach vertikalen Gesichtspunkten, d. h. schwebungsfrei ein, wie man es vorher mit den Einzelintervallen geübt hat, und hört sich anschließend die korrigierte Stimme allein an. So kann man direkt hören, welche Konsequenzen eine ausschließlich harmonische Intonation auf die Gestaltung der melodischen Linie hat.
  2. Um dagegen die Auswirkungen der ausschließlich melodischen Intonation auf die vertikalen Klänge auszuprobieren, kann man zuerst eine Einzelstimme einstimmen und sich anschließend anhören, wie sich die "rücksichtslos lineare" Intonation auf die Zusammenklänge auswirkt.

Wer mit INTON arbeitet, geht folgendermaßen vor: Zunächst wird eine Übung aus einer Liste ausgewählt, z. B. zweistimmiges Hören mit verstimmten Tönen in der Oberstimme. Nach Aufrufen der Übung liest man die Noten mit einem erläuternden Text auf dem Bildschirm. Darunter befindet sich ein übersichtliches Menü mit allen Bedienelementen. Man kann sich nun das Übungsstück in einer verstimmten Fassung beliebig oft, in beliebigen Abschnitten und in beliebigem Tempo vorspielen und die verstimmten Töne und ihre Abweichungsrichtung (zu hoch/zu tief) bestimmen. Anschließend kann man die Töne mit Hilfe der Cursortasten in Centschritten "richtig" einstimmen. Währenddessen kann man sich den einzustimmenden Ton und dessen Umgebung beliebig oft anhören. Nach Beendigung der Aufgabe kontrolliert man sein Stimmergebnis, indem man sich die Centwerte für die einzelnen Töne auf den Bildschirm holt. Alle Bedienungsschritte werden in einer leicht verständlichen, umfassenden Bedienungsanleitung erklärt. Diese enthält darüber hinaus wertvolle Hinweise zur "Gehörbedienung": So erfährt man, worauf es beim Hören und Bewerten des Gehörten ankommt und welche Möglichkeiten des Einstimmens es für die betreffende Übung überhaupt gibt. Zu allen Übungen werden konkrete Arbeitsanweisungen gegeben bzw. Vorschläge, nach denen man beim Üben vorgehen kann.

Mit INTON lässt sich auch das Stimmen eines Tasteninstruments oder einer Harfe erlernen. Das Strapazieren mechanischer Instrumente durch Stimmversuche wird dadurch umgangen - jedenfalls soweit es um das Erlernen der reinen Hörvorgänge beim Stimmen geht. Außer der gleichstufig temperierten können mit INTON sieben historische Stimmungen geübt werden. Während in den Intonationsübungen gleiche Töne mit unterschiedlichen Stimmungswerten auftreten können, wie z. B. beim Spiel auf einer Geige oder beim Singen, wirkt sich in den Stimmübungen eine einmalige Verstimmung auf alle Töne gleicher Höhe aus, so wie auch eine einmal gestimmte Saite ihre Tonhöhe beibehält. Die Übungen bestehen aus Zyklen von Zweiklängen (Oktaven, Quinten, Quarten, in den historischen Stimmungen auch große Terzen), wie sie auch beim Stimmen akustischer Instrumente benutzt werden.

In einem weiteren Programmteil ("Tonlabor") können technisch Interessierte mit Tonhöhen experimentieren. Verschiedene Hörphänomene, wie z. B. Schwebungen, Kombinationstöne etc. können hier realisiert werden. Das Programm erzeugt Töne beliebiger Frequenz als Sinus- oder Rechteckschwingung, deren Hertzzahlen oder Notennamen über die Computertastatur eingegeben werden. Die Töne können beliebig weit auf- und abwärts verstimmt werden, wobei bis zu einer Abweichung von ca. 70c eine Genauigkeit von 1 cent gegeben ist. Hier einige Experimentiervorschläge:

  1. Da man die Tonhöhenveränderung während des Umstimmens "in Echtzeit" hören kann, lässt sich das Schneller- oder Langsamerwerden einer Schwebung sehr anschaulich darstellen.
  2. Neue Hörerfahrungen lassen sich auch durch das Gleiten zwischen den Intervallen erschließen, wobei man dann z. B. den Punkt feststellt, an dem der Höreindruck des einen Intervalls in den des benachbarten umschlägt.
  3. Auch Tonhöhenvergleiche und Intervall-Größenvergleiche lassen sich mit dem Tonlabor durchführen. Wer solche Versuche außerdem mit verschiedenen Klangfarben macht, kann interessante Ergebnisse erzielen.
  4. Die Konsonanz-/Dissonanzwirkung von Intervallen in Abhängigkeit von der Klangfarbe ist ebenfalls ein lohnendes Gebiet für eigene Hörerfahrungen.