Doris Geller: Modulationslehre

Doris Geller:
Modulationslehre
Broschur, 72 Seiten, Zahlreiche Notenbeispiele
Verlag Breitkopf und Härtel, 2002
ISBN 3-7651-0368-3
EUR 12,50

Wie komme ich von A nach B? Modulationslehre lässt sich einem Orientierungslauf vergleichen, und manch ein Musikstudent hat sich in seinen Prüfungen dabei schon verlaufen. Das in der Praxis bereits gründlich erprobte Buch ist dann mit seinen vielen Literaturbeispielen der Kompass für den sicheren Umgang mit den verschiedenen Akkordverbindungen.

Als Kostprobe hier das Vorwort:
"Und jetzt modulieren Sie bitte von Es-Dur nach d-Moll, und zwar diatonisch!" Welcher Absolvent einer Musikhochschule kennt diese Aufforderung nicht noch aus dem Tonsatzunterricht? Und wie vielen Studierenden bereitet die Aussicht, in der Abschlussprüfung von jeder x-beliebigen Tonart aus in jede andere modulieren können zu müssen - möglichst noch auf drei verschiedene Arten - nicht schon Wochen vorher heftige Bauchschmerzen?

Modulation, die Technik des Übergangs von einer Tonart in eine andere, ist ein intensiv bearbeitetes Gebiet der Harmonielehre. Es eignet sich hervorragend als Prüfungsstoff und ist daher meist fester Bestandteil der Abschlussprüfung in Musiktheorie. Es bietet klare Aufgabenstellungen (moduliere von ... nach) und Methoden (diatonisch, enharmonisch, chromatisch), es ist gut abprüfbar (entweder man kommt in der Zieltonart an oder nicht) und gut einzuüben (von F nach E..., Moment mal, das sind fünf Quinten, ach ja, das geht am besten, indem ...). Geht man statistisch an das Gebiet der Modulation heran, so stellt man fest, dass die meisten Modulationsübungen überflüssig, weil praxisfern, sind: Von hundert Modulationen in klassischen Werken gehen etwa sechzig in die Dominanttonart. Ist daher die Fähigkeit, von jeder Tonart in jede andere zu gelangen, überhaupt sinnvoll?

Ja - wenn der Zweck der Übung nicht in sich selbst gesehen wird, sondern wenn das Ganze zu einem höheren Ziel führt. Denn wer sich mit Modulation beschäftigt, übt sich in praktischer Harmonielehre: Er macht sich Gedanken über die Möglichkeiten, eine Tonart darzustellen, über die Verwendung bestimmter Akkorde und ihrer Reihenfolge, über die Mehrdeutigkeit von Akkorden, er verschafft sich Klarheit über leitereigenes bzw. -fremdes Tonmaterial, er denkt also im Tonsystem - und nicht zuletzt übt er sich in Stimmführung. Wer moduliert, befasst sich also zwangsläufig mit sämtlichen Bereichen der Harmonielehre, vom Dominantseptakkord bis zur Enharmonik. Dieser "Nebeneffekt" der eingangs zitierten Modulationsaufgabe ist nicht zu unterschätzen und bildet das eigentliche "Modulationsziel"; die Zieltonart d-Moll ist es jedenfalls nicht! Und so wird auch unsere anfangs nur unter pragmatischen Gesichtspunkten betrachtete Prüfungsaufgabe sinnvoll: Sie gibt dem Kandidaten die Möglichkeit, eine breite Palette von Kenntnissen und Fähigkeiten zu zeigen. Wer dieses Buch durcharbeiten möchte, sollte mit den Grundbegriffen der Funktionstheorie vertraut sein, er kann es aber auch dazu benutzen, sie zu lernen bzw. wieder aufzufrischen. Klavierspielfähigkeiten sollten so weit vorhanden sein, dass akkordisches Spiel möglich ist.

Das Schwergewicht des Lehrgangs liegt auf dem eigenen Tun am Instrument; daher folgt auf den Entwurf des Modulationsplans immer das Spiel der Modulation am Klavier. Dahinter steht der Gedanke, dass man das, was man greift, auch besser be-greift, zumal wenn das unmittelbare klangliche feedback verstärkend hinzutritt.

Wer die Aufgaben am Klavier durcharbeitet, lernt nicht nur zu modulieren. Er eignet sich damit auch ein Repertoire der unterschiedlichsten Kadenzen an, denn jede Modulation ist nichts weiter als die geschickte Kombination zweier Kadenzen. Diese sind auch als harmonische Modelle für Improvisationsübungen geeignet, was wenigstens im Ansatz gezeigt werden soll.

Wer nicht am Instrument modulieren kann oder möchte, kann die Aufgaben auch schriftlich lösen. Um einen rein theoretischen Überblick über die Harmonielehre zu bekommen, ist dies eine sehr effiziente Methode, die viel eher geeignet ist, das harmonische Verständnis zu fördern als z.B. das Aussetzen von bezifferten Generalbässen.

Die zu jeder Modulationsart bestehenden Aufgaben enthalten detaillierte Arbeitsanweisungen, die es auch dem Anfänger möglich machen, recht bald zu einem Ergebnis zu kommen. Und wenn dieses auch nur darin bestünde, die Lust an der Erforschung und Erfahrung harmonischer Phänomene geweckt zu haben, dann hätte diese Arbeit schon ihren Zweck erfüllt.


Rezensionen

Musikerziehung, April 2003:
Doris Geller, Flötistin und Professorin an der Musikhochschule Mannheim, behandelt in ihrer Modulationslehre vier Arten der Modulation: die auf der Umdeutung eines gemeinsamen Akkordes basierende diatonische Modulation, die enharmonische Modulation, welche die Umdeutung einzelner Akkordtöne nutzt, und schließlich die auf melodischen Ereignissen beruhende chromatische Modulation sowie die Modulation durch Sequenz.
Das Lehrbuch besticht durch detaillierte Arbeitsanweisungen, verständliche Erklärungen, eine Fülle von Übungsmaterial (insbesondere Übungen am Klavier), welches von der Vorgabe bestimmter Modelle zur freien Anwendung führen soll, sowie durch umfassende schematische Darstellungen.
... Die Autorin legt eine ausgezeichnete Darstellung des Gebietes der Modulation dar: Modulation in einem weiteren Sinne ist viel mehr als der kürzestmögliche Weg von einer Tonart in die andere, sondern verfolgt ein höheres Ziel, nämlich den Erwerb einer breiten Palette von Kenntnissen und Fähigkeiten: Darstellung von Tonarten, Mehrdeutigkeit von Akkorden, Tonmaterial, Stimmführung, Harmonielehre, Umsetzung am Klavier etc.

Üben und Musizieren 4/02:
Der schmale Band enthält auf überzeugende Art alles, was man über Modulation wissen sollte. Sympatisch berühren den Leser die bescheidene Zielsetzung und die nüchterne Einschätzung traditioneller Modulationslehren.
Zuerst werden die Kadenzen als Kern jeder Modulation überzeugend herausgestellt. Daraufhin nimmt Geller eine sinnvolle, an die Tradition anknüpfende Einteilung der Modulationsarten vor. Die methodischen Vorgehensweisen bei eigenen Gestaltungsaufgaben werden gut verständlich in kleinen Schritten erläutert. Alle Aufgabenstellungen sind praktikabel, dabei werden - aktuellen Trends folgend - immer wieder eigene Produktionen angeregt bis hin zu kleinen Kompositionen. Die Aufgaben werden schriftlich und als Spiel am Klavier verlangt. Rhythmische Implikationen und metrische Proportionen werden ernst genommen, z. B. leichte und schwere Taktteile und deren harmonische Gewichtung.
... Übersichtliche Tabellen, zusammenfassende Grafiken und zahlreiche Notenbeispiele erleichtern das Arbeiten mit dem Buch, das auch dem Selbststudium dienen soll.

Das Orchester 12/02:
Die Modulationslehre von Doris Geller, Professorin für Musiktheorie an der Musikhochschule Mannheim, ist aus ihrer Lehr- und Prüfungspraxis heraus entstanden. Musikstudierende bilden die Haupt-Zielgruppe.
... Nachdem eine Modulation am Literaturbeispiel dargestellt wurde, beschreibt die Autorin ebenso knapp wie präzise die verwendete Modulationstechnik, so dass unmittelbar verständlich wird, wie die Modulation funktioniert. Sie wird dann als Modell eingerichtet, und nun können, unter Verwendung der Kadenzen, die gleich zu Beginn des Buches erklärt wurden, sofort überzeugende Modulationen gespielt werden. Wertvolle Hilfe leisten dabei die in jedem Kapitel enthaltenen Aufgaben, schriftlich und vor allem praktisch, denn der Schwerpunkt des Buches ist das Modulationsspiel am Klavier. Wer diesen Lehrgang durcharbeitet, sollte daher zu akkordischem Spiel auf dem Klavier in der Lage sein. Versiertere Klavierspieler finden außerdem in den Übungen harmonische Modelle zum Improvisieren.
Viele Notenbeispiele (Literatur und Spielübungen) veranschaulichen den Text. Zur Darstellung von Kadenzmodellen und Tonartverhältnissen dienen konsequent durchstrukturierte Tabellen.
Wer vorwiegend musikwissenschaftlich-analytisch an die Musik heran geht, mag vielleicht skeptisch bleiben und sich mit solch einer Anleitung zu "Übungsmodulationen" schwer tun. Wer jedoch Freude am Ausprobieren und Improvisieren hat, wird einen spontanen und spielerischen Zugang zu der Modulationslehre finden.
... es hat mir einfach Spaß gemacht, z. B. durch eine Rückung D7 - D7 zu modulieren, und das nicht nur von Fis-Dur nach G-Dur, wie in dem Beispiel von Peter Cornelius, sondern quer durch alle Tonarten! Vorsicht: Suchtgefahr...